Waldameisen im Herbst – wenn es auf dem Ameisenhügel ruhiger wird
Im Sommer herrscht auf einem Waldameisenhügel reger Betrieb. Arbeiterinnen laufen auf festen Ameisenstraßen zu Bäumen und Sträuchern, sammeln Honigtau, erbeuten kleine Tiere und tragen Pflanzenmaterial zum Nest. Ab September verändert sich dieses Bild zunehmend. Die Waldameisen bereiten sich auf den Winter vor. Dieser Übergang erfolgt jedoch nicht plötzlich, sondern lässt sich über mehrere Wochen beobachten.
September – noch einmal volle Vorratskammern
An warmen Septembertagen können Waldameisen noch sehr aktiv sein. Wie viele Tiere außerhalb des Nestes unterwegs sind, hängt dabei stark von Temperatur und Sonneneinstrahlung ab. Besonders wichtig bleibt die Aufnahme kohlenhydratreicher Nahrung. Eine bedeutende Rolle spielt der Honigtau von Blatt- und Rindenläusen. Er liefert den Arbeiterinnen leicht verfügbare Energie.
Gleichzeitig beginnt sich das Leben im Nest zu verändern. Die intensive Brutphase des Sommers geht zu Ende und die Temperatur im Nest sinkt allmählich. Untersuchungen an der Kahlrückigen Waldameise (Formica polyctena) zeigen, dass die Temperatur im Nest ab dem Spätsommer bis in den November hinein deutlich zurückgeht. Die Tiere müssen nun nicht mehr jene hohen Temperaturen aufrechterhalten, die während der Brutentwicklung notwendig sind.
Auch am Nesthügel wird weiterhin gearbeitet. Nadeln, kleine Zweige und anderes Pflanzenmaterial werden umgelagert. Der Hügel ist nämlich nicht bloß ein Haufen Waldstreu, sondern ein ausgeklügeltes Bauwerk, das Sonnenwärme aufnehmen kann und dazu beiträgt, Temperatur und Feuchtigkeit im Nest zu regulieren.
Oktober – der Rückzug beginnt
Mit kürzer werdenden Tagen und niedrigeren Temperaturen nimmt die Aktivität außerhalb des Nestes zunehmend ab. Trotzdem kann ein Ameisenhügel an einem sonnigen Oktobertag plötzlich wieder sehr belebt erscheinen. Die dunkle Oberfläche erwärmt sich in der Sonne und ermöglicht zumindest vorübergehend Aktivität.
Im Inneren des Nestes beginnt nun der eigentliche Übergang zur Winterruhe. Die Ameisen ziehen sich zunehmend in tiefer gelegene Bereiche des Nestes zurück. Dort sind sie vor starken Temperaturschwankungen besser geschützt.
Besonders gut untersucht ist dies bei Formica polyctena. Während der aktiven Jahreszeit können Waldameisen im Nest Bereiche mit Temperaturen von über 20 °C aufrechterhalten. Im Winter liegen die Temperaturen in den Überwinterungskammern dagegen nur bei ungefähr 1 bis 2 °C.
November – das Leben verschwindet unter die Erde
Im November wirken viele Ameisenhügel bereits verlassen. Bei kaltem Wetter sind oft überhaupt keine Tiere mehr an der Oberfläche zu sehen. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass das Volk verschwunden ist.
Arbeiterinnen und Königinnen überwintern gemeinsam in tieferen Nestbereichen. Der Stoffwechsel der Tiere wird stark reduziert, und die Aktivität kommt weitgehend zum Erliegen. An außergewöhnlich milden, sonnigen Tagen können einzelne Tiere allerdings noch an der Nestoberfläche erscheinen.
Waldameisen besitzen außerdem eine erstaunliche Kälteresistenz. Bei Formica polyctena wurde festgestellt, dass Arbeiterinnen ihre Körperflüssigkeit deutlich unter den Gefrierpunkt abkühlen können, ohne dass diese gefriert. Der durchschnittliche Unterkühlungspunkt liegt bei etwa –13 °C. Entscheidend ist allerdings ein intaktes Nest: In feuchtem Nestmaterial steigt die Sterblichkeit bei starken Minustemperaturen deutlich an.
Ein stiller Ameisenhügel ist kein verlassener Ameisenhügel
Wer einen Waldameisenhügel von September bis November regelmäßig besucht, kann den Übergang vom Sommer zum Winter sehr schön beobachten: Im September führen noch stark frequentierte Ameisenstraßen vom Nest weg. Im Oktober konzentriert sich die Aktivität zunehmend auf sonnige Tageszeiten. Im November scheint der Ameisenhügel schließlich fast ausgestorben zu sein.
Doch unter der Oberfläche überwintert weiterhin das gesamte Volk.
Gerade deshalb sollten Ameisenhügel auch im Herbst und Winter nicht geöffnet, umgegraben oder anderweitig beschädigt werden. In Niederösterreich sind unter anderem Formica rufa, Formica polyctena, Formica lugubris und Formica aquilonia in der Artenschutzverordnung als geschützte Arten angeführt.
Der scheinbar ruhige Ameisenhügel ist somit ein gutes Beispiel dafür, dass im Wald auch im Spätherbst noch viel Leben vorhanden ist – wir müssen nur etwas genauer hinsehen.
Quellen und weiterführende Literatur
Amt der Niederösterreichischen Landesregierung / RIS: NÖ Artenschutzverordnung, Anlage 2 – geschützte Tierarten in Niederösterreich.
Umweltbundesamt Österreich (2024): Rote Liste der Ameisen (Hymenoptera: Formicidae) Österreichs. Umweltbundesamt, Wien.
Kadochová, Š. et al. (2017): Sun Basking in Red Wood Ants Formica polyctena: Individual Behaviour and Temperature-Dependent Respiration Rates. PLOS ONE.
Kadochová, Š. & Frouz, J. (2014): Thermoregulation strategies in ants in comparison to other social insects, with a focus on red wood ants (Formica rufa group). F1000Research.
Erpenbeck, H. (1983): Zur Kälteresistenz der Kleinen Roten Waldameise Formica polyctena. Zeitschrift für Angewandte Entomologie 96, 271–281.
Ambach, J. et al.: Erhebungen und Übersichten zu den hügelbauenden Waldameisen Österreichs, insbesondere zur Ökologie und Verbreitung der Arten der Formica-rufa-Gruppe.
Naturkundliche Mitteilungen aus den Landessammlungen Niederösterreich (2020): Nachweise und Beobachtungen zu Formica truncorum in Niederösterreich.
KI-unterstützt erstellt
